Wie Corona unsere Sichtweise verändert

Die Pandemie hat unser Leben ordentlich durcheinandergewirbelt. Sie birgt aber das Potenzial für neue Sichtweisen, erklärt Zukunftsforscher Lars Thomsen.

Herr Thomsen, wie ist es Ihnen im Corona- Lockdown ergangen?

Ich würde sagen, ganz gut. Ich war ja die meiste Zeit zu Hause. Normalerweise bin ich drei, vier Tage die Woche auf Achse. Es kommt vor, dass ich mich für eine Besprechung, die vielleicht anderthalb Stunden dauert, frühmorgens ins Auto, in die Bahn oder den Flieger setze und erst spätabends wieder zu Hause bin. Obwohl ich dieses Leben in den vergangenen Monaten manchmal vermisst habe, erscheint es mir im Nachhinein auch ein wenig absurd.

Verändert die Krise unseren Blick auf den Alltag?

So hart sie viele Menschen trifft – diese Krise gibt uns als Gesellschaft einen Anlass, über Dinge nachzudenken, die bis dahin als völlig normal galten, und unsere Prioritäten neu zu setzen. Ist die Art, wie wir leben, wirtschaften und konsumieren, wirklich gut und sinnvoll? Oder muss sich etwas ändern? Während der Kontaktbeschränkungen haben wir ja gemerkt, was uns wirklich wichtig ist. Vielleicht werden wir nach der Krise auch etwas glücklicher sein, weil wir soziale Kontakte oder auch die offenen Grenzen wieder viel mehr schätzen als zuvor.

Also steckt in der Krise auch ein Neuanfang?

Auf jeden Fall zeigt sie uns, was wir mit Blick auf noch kommende Krisen ändern müssen. In unserer globalisierten Welt mit einer stark verschränkten Wirtschaft und einem weltweiten Reiseverkehr lassen sich Krisen kaum vermeiden. Sie wirken oft als Beschleuniger für Modernisierungen, wie wir es gerade in vielen Unternehmen sehen, Stichwort Homeoffice.

Arbeiten von daheim war bislang eher bei Start-ups und IT-Unternehmen etabliert. Wird es nun zum Modell für die Masse?

Ich denke schon. Die Krise hat uns gezeigt, dass es möglich ist, Arbeit anders zu organisieren. Muss es wirklich sein, dass alle morgens um sieben in vollen Zügen sitzen, um gleichzeitig in der Firma zu sein? Müssen Pendler wertvolle Lebenszeit im Stau lassen? Reicht es nicht, zwei, drei Mal die Woche für Meetings ins Büro zu kommen, um das Familienleben zu vereinfachen? Ich schätze, dass viele Unternehmen jetzt Homeoffice als Arbeitszeitmodell flexibel und zielgerichtet einsetzen werden. Wird sich unsere Mobilität durch die Arbeit im Homeoffice dauerhaft verändern? Wir wissen jetzt zumindest, dass man Teambesprechnungen oder Meetings mit Kundenauch wunderbar per Video machen kann. Natürlich werden wir nach Corona wieder zu einer vollmobilen Gesellschaft werden. Nur gehe ich davon aus, dass wir dann tatsächlich eine nachhaltigere Mobilität erleben werden, die gesünder für die Menschen und besser fürs Klima ist.

Zu Beginn der Pandemie kam es zu Lieferengpässen, wie bei Klopapier, Nudeln oder Medikamenten. Können wir daraus für die Zukunft etwas lernen?

Bisher produzieren wir Dinge oft dort, wo es einfach und günstig ist, und transportieren diese dann enorm weit. Fast jede Mango, die wir essen, wird per Flugzeug irgendwo aus einem asiatischen Land hierher geflogen, was die Umwelt extrem belastet. Unser Wohlstand hängt von globalen Lieferketten und globaler Arbeitsteilung ab. Die Krise hat einmal mehr gezeigt, dass wir die lokale Wirtschaft stärken müssen.

Wie können wir die lokalen und regionalen Märkte aufwerten?

Dabei helfen uns Zukunftstechnologien, die jetzt vielleicht sogar schneller kommen als gedacht. Zum Beispiel „Vertical Farming“ in vollautomatisierten, roboterisierten Hightech- Gewächshäusern. Damit werden wir in Zukunft einen großen Teil unserer Früchte und Gemüse, auch exotische, effizient in direkter Nähe der städtischen Konsumenten kultivieren können. Ganzjährig und in Bio-Qualität. Bislang war der Druck, solche Technologien weiterzuentwickeln, noch nicht so hoch. Aber nach Corona werden viele Start-ups nach vorn kommen mit dem Argument, dass wir damit unsere Widerstandsfähigkeit erhöhen, Transportwege verkürzen und Energie sparen. Das wird ein ganz neuer Wirtschaftszweig, der auch für den Industriestandort Deutschland interessant ist.

Aber profitieren nicht vor allem große Online-Versandhändler von der Krise?

Die Hürde, neue Services auszuprobieren, ist deutlich niedriger als vorher und die Akzeptanz digitaler Angebote ist zweifellos gestiegen. Doch ich sehe das als eine Chance, auch für lokale Geschäfte. Schönes Beispiel: Eine Supermarktkette in England hat während des Lockdowns kleine Lieferroboter eingesetzt, die online bestellte Waren für wenig Geld kontaktlos bis vor die Haustür gebracht haben. Das zeigt uns: Wir brauchen keinen globalen Versandriesen, um uns zu versorgen. Es gibt viele Kunden, die sich schwere Einkäufe gerne so liefern lassen würden – auch
von ihrem Markthändler oder dem Supermarkt um die Ecke.